Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die wirtschaftliche Rivalität England–Deutschland

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die wirtschaftliche Rivalität England–Deutschland

Der Erste Weltkrieg ist nach George Kennan die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, er beendete das Zeitalter des Kolonialismus und des Imperialismus, durch ihn wurde 1917 die russische Revolution möglich, und die Vereinigten Staaten sowie die spätere Sowjetunion erschienen als Weltmächte..


Die Folgen des Diktat-Friedens von Versailles 1919 brachten in Deutschland den Nationalsozialismus an die Macht und ermöglichten den 2. Weltkrieg. Deshalb ist das Verstehen des Ausbruchs des 1. Weltkrieges und der dabei wirkenden Kräfte grundlegend für das Verständnis der Entwicklungen bis zur Gegenwart, wo nun ähnliche Konstellationen und Vorgehensweisen wieder auftauchen. 

Als 1871 das Deutsche Reich gegründet und dieses auch zu einer wirtschaftlichen Grossmacht wurde, zeigte sich immer deutlicher ein britisch-deutscher Antagonismus (Gegnerschaft), der von englischer Seite verstärkt wurde. Obwohl die wirtschaftliche Rivalität nicht die ausschlaggebende Ursache dieses Konfliktes war, kann man an ihr sehr deutlich die Motive für oder gegen einen Weltkonflikt erkennen.

Aus der ersten Industriellen Revolution mit Kohle, Stahl und Baumwolle Ende des 18. Jahrhunderts war England als führende Grossmacht hervorgegangen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verlegte es sich aber immer mehr auf einen Finanzkapitalismus, investierte grosse Geldmengen, vor allem im Ausland, wo sie grösseren Gewinn einbrachten. Die Weltfinanzzentren City of London und Wall Street in New York wurden massiv ausgebaut. Die Gründung des Federal Reserve Board 1913 sicherte die englische-amerikanische Finanzierung des Ersten Weltkrieges. Die gleichen Hintergrundkräfte finden wir im Dollar-Imperialismus des 20. und in der Finanzkrise des 21. Jahrhunderts, im Transatlantischen Freihandelsabkommen sowie in der schon sehr weit umgesetzten Neuen Weltordnung, was den weltweiten auch wirtschaftlichen Einflussbereich der USA betrifft.

Ende des 19. Jahrhunderts führte diese finanzielle Ausrichtung zu einer technischen Veralterung der englischen Produktionsstätten. Dadurch verpasste England damals die neu einsetzende, zweite Industrielle Revolution mit Chemie, Elektroindustrie, Kraftfahrzeugbau, und fiel gegenüber Deutschland und den USA hoffnungslos zurück. Damit verbunden war ein wirtschaftlicher Konkurrenzkampf in der Erschliessung von Rohmaterialien in den Kolonien, der (technischen) Herstellung und dem Absatz der Güter. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte England zwar immer noch den grössten Anteil am Welthandel, der Vorsprung, vor allem gegenüber Deutschland, das in seiner wirtschaftlich-industriellen Entwicklung rasant aufholte, schrumpfte jedoch immer mehr. 1900 erzeugte Deutschland mehr Strom als Grossbritannien und Frankreich zusammen, in der chemischen Industrie hatte es fast eine weltweite Monopolstellung inne, in der Stahlindustrie waren trotz durchschnittlich höherer Löhne die Produktionskosten niedriger, die Produktivität höher, die Materialausnutzung besser und die Transportkosten niedriger.  Zudem konnte sich Deutschland durch Schutzzölle abschirmen. Dieser Aufstieg zeigte sich auch in den Absatzmärkten.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die wirtschaftliche Rivalität England–Deutschland grafik


Anteil der führenden Industrienationen am Welthandel in %
Aus dieser Tabelle wird deutlich, dass, wenn diese Entwicklungen 10 Jahre weitergegangen wären, Deutschland ohne Weltkrieg England wirtschaftlich überholt hätte. Deshalb konnte es kein Interesse an einem grossen Krieg haben. England hingegen befürchtete die wirtschaftliche Vormachtstellung zu verlieren und hatte einen starken Grund, durch einen Krieg die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands zu stoppen, denn aus der wirtschaftlichen Dominanz Europas hätte sich immer mehr auch eine deutsche politische Vorherrschaft herauskristallisiert, die den britischen Imperialismus schon wirtschaftlich bedrohte. Ende des 19. Jahrhunderts verlor England deshalb pro Jahr 250 Mio. Pfund und seine eingeforderte Kennzeichnung deutscher Waren Made in Germany, mit dem Zweck, diese auszugrenzen, wurde zu einer Werbung für deutsche Qualität, die auf den Absatzmärkten immer mehr geschätzt wurde. Die britische Elite schäumte vor Wut über diese ungewollte Unterstützung.

Die Rivalität verschärfte sich durch den Bau der Berlin-Bagdad Bahn, einem deutschen Entwicklungshilfeprojekt im Osmanischen Reich, das etwa die heutige Türkei und verschiedene arabische Staaten umfasste. Damit verbundenen waren Förderrechte von Erdöl im heutigen Irak. Die dadurch ermöglichte Einführung des Erdöls in Europa wäre für Deutschland äusserst gewinnbringend geworden. Weiterhin entstand auch eine deutsch-türkische militärische Zusammenarbeit, die aus englischer Sicht zudem seine Kontrolle über den Suezkanal und die Kronkolonie Indien bedrohte. Zwischen Berlin und Bagdad lag Serbien, weshalb England an einem Konflikt in Serbien interessiert war, der das deutsche Projekt sogar blockieren konnte, was denn auch geschah.

Schon in den letzten Jahrhunderten hatte sich England mit der zweitstärksten europäischen Landmacht gegen die stärkste militärisch verbündet, was sich nun auch wieder de facto gegenüber Deutschland wiederholte. Nach aussen hin jedoch, gegenüber der Öffentlichkeit, bewahrte sich England eine freie Hand. 1897 verschärfte sich die breite germanophobe Haltung in den englischen Eliten und den Medien in einem Artikel der Saturday Review, «Germania esse delendam» («Deutschland muss vernichtet werden»), wo als letzte Konsequenz der wirtschaftlichen Rivalität ein militärischer Konflikt ins Auge gefasst wurde. 

Im Kriegsfall verfügten Deutschland und Österreich 1913/14 über 3,45 Mio. Soldaten, Frankreich Russland, Serbien und Belgien auch schon ohne das britische Empire über 5,6 Mio.  In dieser Konstellation militärischer Unterlegenheit, die nur teilweise durch einen schnelleren Einsatz der militärischen Mittel kompensiert werden konnte, wird deutlich, dass die deutsche Politik und die deutsche Wirtschaft an einem Krieg nicht interessiert sein konnten. Deutschland konnte nur ohne Krieg durch wirtschaftliche Entwicklung die Vormachtstellung erreichen, die man ihm vorwarf, durch einen Krieg erobern zu wollen. Die politischen, diplomatischen, militärstrategischen und geistigen Gesichtspunkte im Vorbereich des Krieges zeigen, wie die Entente-Mächte Ziele verfolgten, die nur durch einen Krieg erreicht werden konnten: England mit dem Ziel der Beseitigung der geopolitischen und wirtschaftlichen deutschen Rivalität, Frankreich mit der Wiedererlangung des Elsass, Russland mit der Eroberung der Dardanellen, einem Durchgang vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer. Im Gegensatz dazu war das Bündnis der Mittelmächte defensiv auf die Erhaltung des Bestehenden ausgerichtet.

Durch die Diplomatie der Entente-Mächte nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Kronprinzen Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 kam es Anfang August zum Ausbruch des 1. Weltkrieges.



Soweit war der Artikel in der Printausgabe Nr. 4 Mai 2014 zu lesen. Hier nun die exklusive Fortsetzung, die in der kommenden Ausgabe publiziert wird:

Die englische Diplomatie unmittelbar vor Kriegsausbruch
Im 20. Jahrhundert hat sich die Sichtweise einer deutschen Alleinschuld oder einer Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges gefestigt. Erstere entspricht dem § 231 des Versailler Friedensvertrags. In den letzten Jahrzehnten wandelte sich diese, so dass man wieder an den englischen Politiker Lloyd George anschloss, der von einem «Hineinschlittern» aller Nationen in den Krieg sprach, bedingt durch die Folgen unüberschaubarer Bündnisverpflichtungen. Beide Sichtweisen greifen aber zu kurz.

Eine oberflächliche Betrachtung der diplomatischen Publikationen im Vorbereich des Krieges bleibt bei der Kritik, dass alle Staaten, so auch Deutschland, nur die eigene Position beschönigten und diese Veröffentlichungen deshalb wertlos seien. Genauer betrachtet zeigt sich, dass die Deutsche Politik über viele Sachverhalte nur zum Teil informiert war und, dass die schärfste Kritik gegenüber England, Frankreich und Russland gerade in den Aussagen ihrer Verbündeten gefunden werden kann. Eine wichtige Schrift zum Verständnis dieser diplomatischen Verwicklungen ist das schmale Bändchen von Jakob Ruchti: Zur Geschichte des Kriegsausbruches. Diese 1916 preisgekrönte Arbeit der Universität Bern basiert auf den offiziellen, amtlichen Akten der königlich grossbritannischen Regierung, dem «Weissbuch», in dem die diplomatischen Beziehungen der Mittelmächte und der Entente-Staaten unmittelbar vor Kriegsausbruch aufgezeigt sind.

In wahrhaft meisterlicher Art versteht es Ruchti, in den offiziellen Mitteilungen aus der mit diplomatischen Floskeln überladenen Sprache der Entente-Staaten das Wesentliche, das häufig nur in Nebensätzen oder zwischen den Zeilen angedeutet wird, herauszuarbeiten und in seiner Bedeutung für den Kriegsausbruch aufzuzeigen. Durch dieses Buch wird ein klares Licht auf die diplomatische Vorgeschichte des Kriegsausbruches geworfen, das die Einseitigkeit der Sichtweise einer «deutschen Alleinschuld» aufdeckt.

In verschiedenen Publikationen wird eine solche «Schuld» in offensichtlicher Unkenntnis dieser Sachverhalte als selbstverständliche Tatsache vorgebracht, die man nicht weiter zu hinterfragen braucht. Dabei wird auf den Schlieffen-Plan verwiesen, der einen Durchmarsch des deutschen Militärs durch das neutrale Belgien vorsah. Der Schlieffen-Plan muss aber im Zusammenhang mit den französischen Plänen XVI und XVII gesehen werden.

Aus dem enorm komplexen diplomatischen Geflecht der Ereignisse, die dem Ausbruch des Weltkrieges vorausgehen, sei hier nur ein markantes Beispiel herausgegriffen. Ruchti zeigt, dass sowohl Grey (englischer Aussenminister 1905–16) als auch Asquith (englischer Ministerpräsident 1908 –16) bei der Vorbereitung und Rechtfertigung der Kriegserklärung an Deutschland im englischen Parlament die letzten Angebote des deutschen Botschafters Fürst Lichnowsky vom 1. August verschwiegen und so dem englischen Volke vorenthielten. Deutschland war bereit gewesen, sowohl die Neutralität Belgiens als auch die Integrität Frankreichs und seines Kolonialgebietes (auch schon vor dem Kriege) zu respektieren, wenn England neutral geblieben wäre. Weiterhin fragte Lichnowsky sogar nach den Bedingungen, unter denen England neutral bleiben würde. Grey, in die Ecke gedrängt, konnte nur sagen, dass England sich die Hand frei halten müsse. Dies bedeutete, dass England (wie auch schon mit Frankreich besprochen, siehe Ruchti) damals schon unter allen Umständen in einen Krieg gegen Deutschland eintreten wollte. 

Erst durch die definitive Zurückweisung dieser Friedensvorschläge sah sich Deutschland gezwungen, um nicht gegen zwei voll mobilisierte Gegner in einen Zweifrontenkrieg zu geraten, in Belgien einzumarschieren und Frankreich anzugreifen. Diesen Einmarsch in Belgien, den England wenige Tage vorher auf diplomatischem Wege hätte verhindern können, benutzte England zu einem Ultimatum und daraus sich ergebend zu einer Kriegserklärung an Deutschland. Der Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien weitete sich so durch Russland zu einem europäischen Konflikt und durch den Eintritt Grossbritanniens (und seinen Kolonien) zu einem Weltkrieg aus.

Weder Niall Ferguson (Der falsche Krieg) noch Christopher Clark (Die Schlafwandler), berücksichtigen dieses wesentlich Detail des Kriegsausbruchs. Hier ein genauerer Blick auf das erste Buch:

Der falsche Krieg: Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, der laut Klappentext «mit der hergebrachten Interpretation des imperialen Wettlaufs zweier Industrienationen aufräumt (…) und ein breites Ursachengeflecht» aufzeichnet, dringt in seiner Darstellung nicht zum Kern der Sache vor. Die Auswertung der diplomatischen Beziehungen gerät, angesichts der ihnen zukommenden Bedeutung, zu kurz und weist nicht genügend Tiefgang auf.

Ferguson unterlässt es, den Leser auf die letzten Vorschläge Lichnowskys vom 1. August aufmerksam zu machen; er zitiert lediglich Asquiths Brief an seine Geliebte vom 2. August, in dem dieser die politische Lage Englands analysiert; dabei relativiert er zum Teil Grossbritanniens «Verpflichtungen gegen Belgien», hebt aber hervor: «Es verstösst gegen britisches Interesse, dass Frankreich als Grossmacht verschwindet.» Auf dieser Grundlage hielt er am 3. August seine Rede im englischen Parlament zur Kriegserklärung an Deutschland.

Die von Asquith angegebenen Gründe relativieren sich als eigentliche Gründe für den Kriegseintritt, da Lichnowsky beides, das heisst sowohl die Neutralität Belgiens als auch die Integrität Frankreichs und seines Kolonialgebietes für eine englische Neutralität angeboten hatte, was von Grey zurückgewiesen worden war (siehe oben).

Es wird aber daraus deutlich, dass es England weniger um den Erhalt der französischen als um die Unterminierung der deutschen Machtstellung ging. Asquith konnte davon ausgehen, dass im Falle einer englischen Neutralität wahrscheinlich auch Frankreich zumindest zunächst passiv geblieben wäre (denn ohne die englische Hilfe hätte dieser Konflikt auch mit einem deutschen Sieg enden können). Deutschland hätte dann nach der bedrohlichen russischen Totalmobilmachung vom 25. Juli bis zum 1. August (ohne eine Unterstützung von französischer und englischer Seite) einen eventuellen Angriff dieses Landes abwarten können. Frankreich, innenpolitisch total zerrüttet, hätte in einem solchen Falle beim französischen Volk für einen Krieg gegen Deutschland keine Akzeptanz gefunden. Es wäre auch formal nicht mehr zu einem militärischen Beistand Russland gegenüber verpflichtet gewesen. Der Weltkrieg hätte auf einen Konflikt Österreich-Ungarn, Deutschland einerseits und Serbien, Russland andererseits beschränkt bleiben können; wobei auch hier ein solcher Angriff Russlands ohne französisch-englische Beteiligung sehr unwahrscheinlich gewesen wäre.
Bei einem solchen Verlauf der Ereignisse wäre zwar auch Frankreich als Grossmacht erhalten geblieben sowie Belgiens Neutralität völlig gewahrt worden, Grey und Asquith hätten dabei jedoch eine erhebliche Stärkung der deutschen Machtposition auf dem Kontinent erwarten können, was sie unter allen Umständen vermeiden wollten. Aus diesen Gründen kam in dem auf diplomatischen Wegen künstlich auf europäische Ebene gehobenen Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien eine englische Neutralität nicht in Frage. Hierbei ist zu bemerken, dass das englische Volk, ein Grossteil der englischen Politiker und die Soldaten auf dem Schlachtfeld diese Sachlage nicht kannten, sondern von einem Aggressionswillen Deutschlands ausgingen, das auch im Falle einer englischen Neutralität Frankreich und Belgien «überfallen» hätte. Vor diesem Hintergrund erscheinen die von Asquith angegebenen Gründe nur als Vorwand, um auf diplomatischer Ebene eine Kriegssituation gegen Deutschland herbeizuführen. Von einem «Hineinschlittern» in einen Krieg kann weder bei England und Frankreich noch bei Russland gesprochen werden. England hätte das obige Angebot Deutschlands annehmen können, Frankreich hätte deutlich machen können, dass es einen russischen Angriffskrieg gegen Deutschland unterstütze, Russland hätte die Totalmobilmachung, abbrechen können, nur Deutschland handelte unter Zugzwang.

Diese Konstellation wiederholt sich nun, 2014, mit vertauschten Rollen und veränderten Vorzeichen im noch in der Aufbauphase befindlichen Konflikt des Westens gegenüber Russland. Die westlichen Grosskonzernmedien agieren als Kriegshetzer und unterstützen in aller Breite die Eskalation dieses Konfliktes.

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